Warum bedürfnisorientierte Erziehung nicht natürlich sein kann

Also…

Gehen wir mal einige Generationen zurück. Oder es reichen auch schon 100 Jahre.

Die Rollen sind klar verteilt. Der Mann ist mit der Nahrungbeschaffung beschäftigt, oder einfach nur arbeiten, während sich die Frau um die Kinder kümmert. Sie versucht die Familie im Rahmen ihrer Möglichkeiten satt zu kriegen und beschäftigt sich ansonsten mit der Hausarbeit. Höchstwahrscheinlich leben noch andere Familienmitglieder im selben Haus, die eventuell schon altersbedingt  gepflegt werden müssen. Fortpflanzung ist noch einer höheren Macht überlassen und eine Frau bekommt im Durchschnitt 5-6 Kinder. Sie ist also die meiste Zeit ihres Daseins schwanger, oder kümmert sich um mindestens ein Kleinkind.  Im schlimmsten Fall, hat sie 6 Kinder unter 6 Jahren!

Bitte last diese Vorstellung einen Moment auf euch wirken….

Und jetzt nehmen wir mal an, dass nur die hälfte ihrer Kinder, sich grade in einer schwierigen Phase befinden und sich regelmäßig an die Wäsche gehen. Sie verprügeln sich gegenseitig. Matschen mit Essen herum. Oder jagen die Hühner mit Steinschleudern durch den Garten. Denkt ihr wirklich, unsere Beispiel-Mutter kann in diesem Moment ruhig bleiben und sich jeden einzelnen zur Seite nehmen und Sätze sagen wie:

„Ich verstehe vollkommen, dass du sauer bist und es ist gut, dass du deine negativen Gefühle zu lässt“

„Möchtest du deine Wut in die Welt hinaus schreien?“

„Würde es dir helfen, einen Ast zu zerbrechen, damit du deine überschüssige Energie los wirst?“ 

„Darf ich dich jetzt in den Arm nehmen?“

„Wie schön, dass du dein Essen erkundest. Nur so kannst du lernen, deine Umwelt zu verstehen!“

Unsere hochschwangere Mutter, mit Kleinkind auf dem Arm, wäre wohl innerhalb kürzester Zeit suizidgefährdet. Diese Art von Erziehung mag vielleicht mit einem Einzelkind umsetzbar sein, aber ganz sicher nicht in einer Großfamilie.

Sie würde vielleicht ein einfaches „Schluss jetzt, sonst geht ihr ohne Abendessen ins Bett!“ in den Hinterhof brüllen.

Nein, wahrscheinlich würde sie mit der strengen Hand des Vaters drohen, der die Kinder bei Unbetragen, regelmäßig übers Knie legt.

Wir sind uns hoffentlich alle einig, das dies auch keine Lösung ist! Aber ein Kompromiss, aus klaren Ansagen und einfühlsamen Gesprächen, könnte eine gute Lösung sein.

Mein Instinkt sagt mir einfach, dass es nicht richtig sein kann, sich im Kassenbereich des Supermarktes zu einem 4 Jährigen dazu zu legen, der sich bockig auf dem Boden wälzt, um ihm dort zu erklären, dass es heute mal keine überzuckerten Kaubonnon gibt.

Ich halte allerdings auch nichts davon, ihn vor versammelter Mannschaft zur Schnecke zu machen.

Es ist wie in so unzähligen Bereichen, der goldene Mittelweg.

Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, dass diese Art von Erziehung, in der so sehr auf das Kind eingegangen wird, für alle Parteien nicht von Vorteil sein kann. Kinder suchen ihre Grenzen, können Gefahren nicht einschätzen, brauchen einen Raum in dem sie sich ausleben und trotzdem geborgen fühlen können.

Liebevoll und einfühlsam auf der einen Seite, aber es muss auch vollkommen in Ordnung sein, wenn Mama ab und an die Hutschnur platzt.

Das ist Menschlich.

Denn sollte man uns Müttern nicht auch zugestehen, negative Gefühle zu haben? Laut zu werden? Nicht mehr zu können? Und auch mal aus Erschöpfung vor unseren Kindern zu weinen? Macht uns nicht genau das zu emotional aufrichtigen Menschen?

8 Kommentare

  1. Ach ich mag’s gar nicht über Erziehung im Netz zu diskutieren. Ich finde das so unproduktiv und aaaaanstrengend. Weil jede Familie, jedes Kind, jede Mutter, jede Beziehung einzigartig ist- und deshalb gibt’s nicht die einzig richtige Art zu erziehen (oder eben nicht zu erziehen). Wenn ich mir Tips oder hilfe hole dann von solchen Leuten, die ich persönlich kenne, die mich kennen, und die idealer Weise auch Erfahrung haben mit Kindern, auch schon mehrere Kinder haben. Oder ich lese Artikel oder Bücher von Leuten, die wirklich was zu sagen haben und deren Art zu schreiben und sich auszudrücken, hilfreich und wohltuend für mich sind. Alles andere -besonders in den unsäglichen Diskussionen auf instagram, von Müttern, die meiner Meinung viel zu viel Zeit dafür haben, andere zu beurteilen, die sie überhaupt nicht real kennen- ist sowas von überflüssig und anstrengend. Ich gehöre auf jeden Fall zu der Kategorie mutter: klare ansagen, manchmal etwas zu laut, die viele Fehler macht und es regelmäßig Grund gibt um mich im Nachhinein bei meinen Kindern zu entschuldigen. Und die sich ständig weiterentwickelt. Eigentlich geht es im Umgang mit meinen Kindern weniger um sie, es geht um mich. darum, dass ich lerne richtig zu reagieren und zu handeln. LG Edith (Un.verleichtbarkeit)
    Und danke dass du immer wieder den mit hast, kontroverse Themen anzusprechen. Bin gespannt was noch so in deiner Pipeline der Blogbeiträge ist….:-)

  2. Ist es nicht so, dass AP und bedürfnisorientiert gerade polarisieren? Und ist nicht weiter so, dass plötzlich jede Mutter an sich zweifelt? Bei mir ist es so und ich frage mich warum? Warum denke ich plötzlich, dass ich keine gute Mutter bin? Habe ich alles falsch gemacht? NEIN! Ich habe meine Kinder nicht stundenlang schreien lassen, ich habe sie getragen und mich auf ihre Bedürfnisse eingelassen MIT Grenzen und Regeln. Ich habe dem ganzen nur keinen Namen gegeben!
    Ich will ja nicht sagen, dass ich die neue „Nichterziehung“ grundsätzlich schlecht finde, ganz im Gegenteil, das ein oder andere habe ich mir schon „abgeguckt“. Aber ich lasse mich für meinen Weg nicht mehr verurteilen!

  3. Das ist ein sehr interessantes Thema. Erschreckend finde ich wie viele Eltern sich um das Thema „Erziehung“ und welcher Stil der Richtige ist heute so extrem viele Gedanken machen. Ich bin Mutter einer dreijährigen Tochter, mal mehr Prinzessinn, mal mehr kleine Zicke. Ich habe von Anfang an keinen festen Stil gehabt. Ich liebe meine Tochter und sage es ihr oft, auch wenn es gerade bei den Großeltern nur schief beäugt wird. Mein Mann wurde recht lieblos groß gezogen, das bedeutet aber nicht, dass es ihm an etwas Materiellem gemangelt hätte. Meine Tochter erwiedert die Liebe, fühlt sich sicher und geborgen, vertraut mir ihre Träume und Erlebnisse an. Aber es nicht immer so schön, es gibt diese Tage, manchmal sogar Wochen die anstrengen. Da wird früh aufgestanden (am liebsten so zwischen 4 und 5 Uhr), da werden Sachen geworfen und es wird gebrüllt, es wird getobt und am liebsten würde sie mich hauen – und das alles vor meinem ersten Kaffee. Ich merke sie ist mit sich selbst unzufrieden, alles ist doof und Mama dann sowieso. Aber Mama findet auch alles doof.
    Ich lasse sie toben, lasse sie brüllen und schimpfen. Aber nur mit Regeln. Es werden keine Sachen die nicht ihr gehören geworfen, wenn sie mich doch mal haut gibt es eine Auszeit und ich sage ihr, dass ich beim nächsten Mal zurückhaue (natürlich nur leicht, aber abschreckend). Mittlerweile holt sie zwar aus, aber bei meinem Blick weiß sie schon, dass sie das nicht darf und zieht zurück.
    Mir geht manchmal auch die Laune flöten und ich blaffe sie an. Zwar versuche ich ihr zu erklären warum etwas so ist, aber auch ich kann mal laut werden und dann läuft sie zu Papa und petzt 😊 Umgekehrt genauso, sie kommt dann nach ein paar Minuten und fragt ob alles mit Mama gut ist und ich erkläre warum ich laut wurde. Sie erschreckt sich, geht respektvoll damit um, aber hat keine Angst. Sie merkt Mama braucht grad Ruhe und das finde ich erstaunlich. Schrecklich finde ich Kinder auf dem Spielplatz die ihre Mama auslachen, wenn sie nach tausend Aufforderungen am Ende brüllt. Aber brüllt vor Verzweiflung, die Frau tat mir wahnsinnig Leid. Vom eigenen Kind nicht ernst genommen… Mir ist sehr wichtig, dass ich nicht ständig wegen unnötigem rumdiskutieren muss und meine Tochter weiß, Mama sagt nicht alles x-mal, es gibt sonst Konsequenzen die auch umgesetzt werden.
    Im Supermarkt bin ich wohl dann die Rabenmutter schlecht hin. Ich sage ihr zwei Mal, dass sie nicht zu weit weglaufen soll oder es eben keine Schokolade gibt und anstatt eines dritten Mals sage ich, dass ich weiter gehe und setze meinen Einkauf langsam fort. Ich ignoriere das Motzen, während alle anderen blöd auf mich und meine Zicke schauen und so bald ich am Gangende bin schreit sie Stopp und kommt angelaufen. Danach lässt sie meine Hand nicht mehr los. Statt sie dann wie andere extrem zu loben oder zu schinpfen darf sie mir beim Einkauf helfen und bekommt gesagt dass sie schon toll mithilft und es doch so viel schöner ist.

    Kurz und knapp, ich mache alles aus dem Bauch heraus. Habe aber klare Vorstellungen von dem was sich gehört und was nicht. Ich habe leider nur ein Kind, aber ich als älteste Schwester kann sagen: die Großen erziehen mit! Die älteren Geschwister sind Vorbild in vielen Dingen, es gehört dazu, dass sie wichtiges wie auch unwichtiges an die Kleinen weitergeben. Früher wurden die Ältesten viel im Alltag mit eingespannt, in der heutigen Zeit ist es nicht mehr so. Heute überwiegt die Hass-Liebe, einerseits sind junge Geschwister toll, aber nur so lange sie die eigenen Sachen in Ruhe lassen und wenn jeden Tag das gleiche Theater mit „Maamaaa, der/die hat schon wieder meine…“ abläuft kann ich jede Mutter verstehen die laut wird und sich mal im Bad einschließt um nicht total zu platzen. Ich finde es sogar gut wenn die Kinder wissen, dass man mit Mama nicht alles machen kann und auch mal was untereinander geregelt werden muss 😉

    Von mir ein klares Ja zu heulen, sauer sein, sich alleine auf eine Insel wünschen und den Kindern die Schoki vor Frust wegessen!

    Liebe Grüße Kathy

  4. Ich bin ganz deiner Meinung. Ich finde es einfach unnatürlich unerzogen zu leben. Schließlich fragt einen nachher im „echten“ leben auch keiner danach, ob man vielleicht einen pups quersitzen hat. Liebevoll und fürsorglich …. Ja! Aber auch Mütter haben Grenzen.

  5. Ich bin auch vollkommen deiner Meinung! Vieles was unter „bedürfnisorientiert“ läuft, finde ich, ist einfach der einfachere Weg, weil man Konflikten mit seinem Kind aus dem Weh geht (Beispiel: das Kind darf so lange aufbleiben wie es möchte…). Ich denke auch, dass es klare Ansagen von Erwachsenen braucht, man aber dennoch auf die Gefühlslage seines Kindes achten sollte, denn als Elternteil sollte man kein Diktator sein.

  6. Super! Bin ich genau deiner Meinung.
    Hatte gestern erst ein Gespräch mit meiner Mama über diese ‚bedürfnisorientierte Erziehung‘. Sie war erst mal ganz baff das es hierfür einen Begriff gibt.
    Ich für meine Erziehung finde auch das der goldene Mittelweg genau richtig ist. So wurde ich erzogen und würde diese Erziehung gerne an meine beiden Kinder weitergeben. Ich kann heute sagen meine Mama ist meine beste Freundin. Was ich allerdings vor 20Jahren mit Sicherheit nicht behaupten konnte. Wir hatten Regeln, bei nicht einhalten wurde man bestraft. Natürlich nicht mit Gewalt, aber bei uns hieß es damals noch Fernsehverbot 😀 man wusste wo seine Grenzen sind, aber dennoch das man immer zu den Eltern gehen konnte wenn man ein Problem hatte.
    ‚Keine Erziehung‘, wovon ich gar nicht wusste das es so etwas auch gibt, wäre für uns keine Option.
    Habe gestern einen tollen Satz gelesen, ‚irgendwie muss der Laden ja laufen‘. Und meiner Meinung nach kann sowas nur mit Regeln funktionieren. Wie später im Beruf auch.
    Herzliche Grüße

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