Buchtipps von Herrn Brummkreisel #2 • Reportage

Die Reportage ist die Königsdisziplin des Journalismus. Drei ausgewählte und prämierte Bücher zeigen, wie kunstvoll und nüchtern gleichermaßen Sprache zu kleinen Meisterwerken komponiert werden kann.

Drei Edelfedern und kein Wort zu viel:

Reportage 1
Erik Orsenna „Weisse Plantagen – Eine Reise durch unsere globalisierte Welt“

Erik Orsenna nimmt seine Leser mit auf einen langen Spaziergang. Er führt diesen Spaziergang über die ganze Welt. Der französische Reporter geht überall dorthin, wo Baumwolle angebaut, gepflückt und verarbeitet wird. Er spricht mit Bauern aus Mali, mit Lobbyisten aus den USA, Fabrikbesitzern aus Brasilien und französischen Textilunternehmern. Er fächert entlang der Wertschöpfungskette der Baumwolle die Globalisierung auf. Orsennas Reportage ist hochpolitisch, ohne dass sie moralisch wird, differenziert und keine Spur besserwisserisch. In feiner, fast poetischer Sprache erklärt er die komplexen Zusammenhänge der Globalisierung. Einzelne Fäden werden zu einem weltumspannenden Netz und am Ende liegt es am Leser die Beziehung zwischen einem Rohstoff und den Menschen zu beurteilen. Einfache Antworten bietet dieses Buch nicht. „Weisse Plantagen“ ist eine spannende und elegante Reportage und vollkommen zu recht mit dem angesehen Ulysses-Preis ausgezeichnet.

Reportage 2
Gabor Steingart „Die stumme Prinzessin“

Dieses Buch ist voller Leid, sehr aufrüttelnd und einfühlsam. Es ist ein Buch mit einem unglaublichen Nachhall und das macht es gerade in der heutigen Zeit erneut so ganz besonders lesenswert. Gabor Steingart, damals Reporter beim Spiegel, gibt „Der stummen Prinzessin“ eine Stimme.

Die elfjährige Danijela ist von Geburt an taubstumm. Anfang 2002 flieht sie aus Montenegro über Albanien, Italien und das Meer kommt sie in Hamburg an. Dort lebt sie mit elf Personen in einer kleinen Wohnung in der Berzeliusstrasse im Stadtteil Billbrook. Die Berzeliusstrasse ist kein Ghetto. Die Straße ist schlimmer. Sie ist ein Endlager. Für die Gescheiterten der Wohlstandsgesellschaft, die Süchtigen und Kranken am Rande einer der reichsten Städte Europas. Die Beschreibungen des Elends im „Berzi-Lager“, das Vegetierens der Bewohner und die Unfähigkeit der Behörden machen sprachlos und wütend. In diesem Umfeld gibt Steingart dem Mädchen eine Stimme. Er schreibt aus der Sicht einer Elfjährigen, die Überleben will, die neue Straße hasst und Kraft sucht. Steingart gelingt eine schwieriges Spagat.

Ein Profi schreibt aus der Sicht eines Kindes. Doch das Erzählte ist so unzweifelhaft authentisch, hochgradig emotional und spannend. „Die stumme Prinzessin“ ist eine schonungslose Enthüllung und schwer zu ertragen. Das Buch beschreibt unvorstellbare Zustände und stellt Behörden und Gesellschaft gleichermaßen ein Armutszeugnis aus.

Reportage 3
Ryszard Kapuscinski „Der Fußballballkrieg“

Vor zehn Jahren starb Ryszard Kapuscinski. Der Pole war einer der weltweit begabtesten Reporter und er galt als wichtigste Stimme der Dritten Welt. Wie kein Zweiter beschreibt und porträtiert er die gesellschaftlichen Veränderungen, Umstürze, Kriege und Exzesse, die großen und kleinen Helden in den Ländern Afrikas und Südamerikas.

Kapuscinski nimmt seine Leser mit in die entlegenste Orte. Einen ersten Eindruck, wie kunstvoll und nahezu perfekt Kapuscinski sein Handwerk vesteht, vermittelt der Reportage-Sammelband „Der Fußballkrieg“. 15 bis 30 Seiten lang sind die Reportagen, die den Leser unter anderem nach Honduras, Niger, Accra und in den Kongo bringen. Feine kurze Reportage zeigen den Freiheitswillen der Menschen, die Korruption der politischen Klasse, die schiere Aussichtslosigkeit und die große Hoffnung. Kapuscinski beschreibt meisterhaft und scharfsinnig. Er ist kein Korrespondent auf der Durchreise. Er ist ein Teil der Länder. Ein großartiges Sammelband und ein Entree in die so wichtige Welt der Reportagen. Bedauerlich allemal, dass sich die Literaturkritik lieber mit Romanen als mit Reportagen beschäftigte.

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