Buchtipps von Herrn Brummkreisel #1

Leichte Kost: Nicholson Baker „Die Fermate“

„Das reizendste Schwein der Literaturgeschichte“

Kann pornografische Literatur komisch, unterhaltsam und intelligent zugleich sein? Nein, auf keinen Fall. Zumindest, wenn man sich durch „Fifty Shades of grey“ gearbeitet hat und all die seichten Sex-Büchlein, die es im Windschatten des  Blockbusters auf deutsche Nachttische geschafft haben. Wenn Hausfrauen-Fantasien auf Altherren-Witze treffen, wird daraus auch keine Literatur, nur weil jemand es zu Papier bringt.

Nicholson Bakers „Fermate“ ist anders. Das Buch ist so kunstvoll wie amüsant, es verweist mit einer feinen Leichtigkeit an den ganz Großen der erotischen Literatur, Nabokov und seine „Lolita“, und ist trotzdem oder gerade deshalb anständiger, geiler Schweinkram.

Bakers Held, Arno Strine, ist einfacher Bankangestellter und auch sonst gescheitert: Studium abgebrochen; Freundin davongelaufen; keine feste Stelle; nichts Richtiges, also gerade recht für einen amerikanischen Bildungsroman. Doch er hat eine Gabe: Schnippst er mit den Fingern, steht die Zeit still. Er zieht Frauen aus, spielt an ihnen und hinterlässt kleine Botschaften. Arno onaniert am stillgestellten Körper der Frauen, säubert sie dann ordentlich und geht seiner Wege. Arno ist ein Schwein. Aber liebeswürdig und ein Freund der Frauen.

Arno, das reizende Schwein schreibt seine Autobiographie. Sie trägt den Titel „Die Fermate“. Wer sie liest, wird selber zum Voyeur. „Die Fermate“ kann gar nicht arg pornographisch sein, so heiter ist das Buch.

Anspruchsvolle Literatur: Pascal Mercier „Perlmanns Schweigen“

„Das Schweigen des Sprachwissenschaftlers“

Pascal Mercier landete mit seinem „Nachtzug nach Lissabon“ einen sensationellen Erfolg. Ein Bestseller, großartig verfilmt, und mit einer internationalen Strahlkraft. Weniger Beachtung erfuhr Merciers Erstling „Perlmanns Schweigen“ und das vollkommen zu Unrecht, öffnete sich doch das Leiden Philipp Perlmanns auf über 600 Seiten so ausgesprochen geistreich.

Philipp Perlmann, Sprachwissenschaftler in Frankfurt, hat das Interesse an seinem Fach längst verloren, und nun leidet er an sich selbst, am unaufhebbar schlechten Gewissen des heutigen geisteswissenschaftlichen Professors und an seiner Zunft, der „Atmosphäre der Konkurrenz und des gegenseitigen Belauerns“. Ein Sprachwissenschaftler verliert die Lust an der Sprache.

Auf einer Arbeitstagung in einem Luxushotel in Italien erfährt sein unglückliches Bewusstsein, sein Gefühl der Gegenwartslosigkeit eine erhebliche Verschlimmerung. In zunehmender Angst und Depression entzieht er sich der Auseinandersetzung mit den Kollegen. Er verbarrikadiert sich in seinem Zimmer, flüchtet sich in Schlaf und in die Übersetzung eines Manuskripts. Die Ausarbeitung des eigenen Beitrags verschiebt der Professor dagegen von einem Tag auf den anderen. Nur noch in der Taverne, unter den einfachen Leuten, findet er Trost. Um doch gleich wieder in die Stille und das Schweigen zu flüchten.

„Perlmanns Schweigen“ ist ein selbstreflexiver, philosophisch-analytischer Kriminal- und Abenteuerroman; grandios komponiert. Wer den „Nachtzug nach Lissabon“ verschlungen hat, wird „Perlmanns Schweigen“ lieben.

Pascal Mercier ist ein Pseudonym. Dahinter steht derBerliner Professor Peter Bieri. Ein großartiger Geist. Unbedingt zu empfehlen ist das kluge Büchlein „Eine Art zu Leben: Über die Vielfalt der menschlichen Würde“.

 

Spannung zum Schluß: Andreas Pflüger „Endgültig“

„Blinde Heldin im Cop-Thriller“

Andreas Pflüger ist Drehbuchautor. Eine großartige Voraussetzung, um sich an der Thriller-Literatur zu versuchen. „Endgültig“ ist sein zweiter Roman.

Die Heldin, Jenny Aaron, gehörte zu einer Eliteeinheit, bis sie bei einem Auslandseinsatz und einem Schusswechsel das Augenlicht verliert und erblindet. Nun ist sie, hochintelligent, und eine ehemalige Bestie an jeder Waffengattung, im Innendienst des BKA. Doch die Schatten der Vergangenheit holen sie ein, als die Ex-Kollegen sie um Hilfe bitten.

„Endgültig“ ist ein klassischer Cop-Thriller, ein „Pageturner“, hochspannend bis zum Ende. Pflüger beschreibt präzise und gleichermaßen rasant. Jenny Aaron ist blind und man merkt, wie ausführlich sich Pflüger mit der Blindheit seiner Heldin beschäftigt hat. Lediglich der häufig so beschworene Corpsgeist der Super-Polizisten wirkt mitunter etwas aufgesetzt. Ansonsten ist dieses Buch eine treffliche Alternative zu jedem sonntäglichen Fernsehkrimi, es sei denn, dieser kommt aus Dortmund oder Rostock.

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